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Jaeger(s)latein 6/2017
Irgendwas mit Stadt 4.0

Es kommt wohl selten vor, dass ein Wettbewerb zwei Jahrzehnte später noch aktuell ist und die Ergebnisse deshalb nochmals ausgestellt werden. Wie zurzeit in Berlin: „Schinkel erhebt sich aus seinem Schrein“, zu sehen noch bis zum 15. Juni im Architekturmuseum der TU Berlin Mo – Do 12.00 – 16.00 Uhr und nach Vereinbarung.
Schon kurz nach der Wende war in Westberliner Architektenzirkeln die Forderung nach dem Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie laut geworden. Als der 1995 erfolgte Abriss des DDR-Außenministeriums beschlossene Sache war und somit das Grundstück frei wurde, nahm die Diskussion richtig Fahrt auf. 
Da schwoll dem sonst so moderaten Architekturkritiker der ZEIT der Kamm. Manfred Sack, der „Doyen der Architekturkritik“, wie er genannt wurde, organisierte einen eigenen Wettbewerb und rief die Architekten auf, anstelle der Bauakademie und in deren Kubatur einen Bau „in Schinkels Geist“, aber nicht in dessen Formensprache zu entwerfen, etwas „das die Gegenwart ausdrückt und in die Zukunft weist“. Zeitgenossenschaft statt historischer Mummenschanz also.
Nicht weniger als 225 Architekten folgten dem Aufruf. Sie lieferten eine Idee, viel mehr nicht, denn es ging schließlich nicht um einen Realisierungswettbewerb, es gab keine Nutzungsvorgabe, kein Raumprogramm und keine Realisierungsaussicht. Nicht einmal ein Preisgeld, sondern nur je eine Kiste Wein für die zehn Sieger. 
Was soll man sagen? Der Schuss ging nach hinten los! Es gab respektable Beiträge, doch viele Architekten überboten sich in Albernheiten, wie übrigens zwei Jahre später bei einem ähnlichen Wettbewerb des Tagesspiegels „Der Berliner Schlossplatz“, und stellten damit für den Normalbürger unter Beweis, dass die heutigen Architekten eben nicht in der Lage sind, die Berliner Mitte seriös und ansehnlich modern zu gestalten. Sack hatte diesen Meinungen übrigens Vorschub geleistet, indem er auf dem Titelbild des ZEIT-Magazins 48/1995 einen Entwurf in Form eines bunten Obsttörtchens abbildete. Dann lieber die Rekonstruktion der glorreichen Baudenkmale aus königlichen und kaiserlichen Zeiten, so der Tenor in der Berliner Öffentlichkeit. 
Die Geschichte wird sich wohl wiederholen. Denn inzwischen wird es ernst. Insofern, als der Bund mal eben 62 Millionen Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt hat. Und nun muss plötzlich (noch vor der Wahl, daher die Zeitnot) ein Wettbewerb her. Nichts gelernt hat man aus dem Schloss-Desaster. Wieder geht es um die Wiedergewinnung eines nostalgischen Bildes, und wieder weiß niemand so recht, wie man das Kulissenbauwerk sinnvoll mit Inhalten füllen könnte. Das Architekturmuseum der TU, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Stiftung Baukultur, Architekten- und Ingenieurverbände, alle wollen mit rein. Einig ist man sich weder, wer den Hut aufhaben soll, noch wofür das Haus eigentlich stehen soll. Hier sollen „Gedanken für eine sozial und wirtschaftlich integrierte Stadt der Zukunft – eine europäische Stadt 4.0 – reifen“, so der Regierende Bürgermeister Michael Müller wolkig.
Und nun, man ahnt es schon, sollen, wie so oft, die Architekten in einem „Ideenwettbewerb“ nicht nur die Architektur liefern, sondern auch gleich die Inhaltsfrage lösen. Prima, das hat ja schon so oft geklappt. Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung schreibt den Wettbewerb ohne ein präzises Raumprogramm aus, ein lockeres Brainstorming sozusagen: Nun lasst eurer Fantasie mal freien Lauf. Ein Unding, man könnte auch sagen, eine Unverschämtheit. 35 Arbeiten sollen ausgewählt werden und dann, auch das ein seltsamer neuer Usus, anonym gehalten und zur zweiten Stufe, zum Realisierungswettbewerb eingeladen werden. Und wieder legt der Auslober nicht fest, ob neue Architektur oder eine Schinkel-Replik abzuliefern ist. 
Wer auch immer als Bauherr auftreten wird – nicht einmal das ist bislang geklärt – sollte sich vorher entscheiden, bevor Hunderte von Architekten eine teure Wettbewerbsbeteiligung angehen und aufs falsche Pferd setzen. Wo bleiben die Standesvertretungen, die Verbände, die namhaften Juroren, die dem Unsinn Einhalt gebieten? 

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin