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Jaeger(s)latein 4/2017
Die spektakulären und die praktischen Häuser

Neulich komme ich aufgeräumter Stimmung nach Hause. „Spannende Veranstaltung“, schwärme ich und berichte über die Präsentation der Ergebnisse des Wettbewerbs „Spektakuläre Häuser“.

Sicher ist es unklug, die mitgebrachte Zeitschrift, in der die preisgekrönten Häuser des Jahres vorgestellt werden, unbeaufsichtigt auf dem Tisch liegen zu lassen. Sie studiert so gerne Grundrisse. So gründlich, als wären es ihre Chemie-Klausuren.

„Wow! Tolles Haus. Und ganz schön schwungvoll.“ Sie hat die Seite mit dem ersten Preis aufgeschlagen. „Jaah, das macht man heute so, das ist Dynamismus. Ben van Berkels Villen sehen auch so aus, auch innen mit den Split-Level-Treppen und so…“, doziere ich und mache mir in der Küche zu schaffen. Stille. 

„Schahatz, guck doch mal, die Treppe. Ist da beim Bau was schiefgelaufen? Eine Betonrampe und darauf verschieden hohe Treppenstufen aus Blech?“ „Ja, das war tatsächlich so, mit den Stufen musste ausgeglichen werden, hat die Architektin erzählt!“, weiß ich zu berichten. Ich schiebe ein Käsewiener in die Mikrowelle und mache noch ein Bier auf. „Aber wie soll die Putzfrau denn da zwischen den Stufen saugen?“ „Wieso?“ „Na, die kommt doch da gar nicht dazwischen, und wenn, stößt sich über kurz oder lang der Lack ab!“ „Hmmh, wird schon irgendwie gehen, mit etwas gutem Willen…“ Stille. „Und was passiert da hinter der komischen Wand im Wohnzimmer in dem halbrunden Raum mit dem Bandfenster am Boden?“ „Nichts“ „Wie, nichts?“ „Ist halt ein schöner Raum. Luxus eben, den sich die Leute leisten.“ Stille. „Sieht überhaupt aus, als ob da niemand wohnen würde!“ Seufz. „Ich kann dir das erklären. Wenn das Haus fertig ist, kommt der Fotograf mit einem Container. Darin hat er schicke Möbel mitgebracht. Alles was im Haus ist, räumt er in den Container, knipst die mit seinen Designermöbeln wunderschön inszenierten Räume und rückt mit seinen Möbeln wieder ab. Danach zieht erst das echte Leben ein.“

„Krass! Apropos Leben: Hier steht, es ist ein Haus für eine Familie mit zwei Kindern. Unsere Kinder haben Skiaus-rüstung, Surfbretter, Schlittschuhe, Zelte und jede Menge Fahrräder. Und dann Gartenmöbel, Grill, Rasenmäher, Schubkarre, Poolsauger, wo ist das Zeug alles?“ „Wahrscheinlich in der Garage. Die Autos stehen stattdessen auf der Straße!“, antworte ich etwas genervt, aber so richtig überzeugend komme ich wohl nicht rüber. Findet sie auch.

Ich mache den TV an. Sie blättert weiter. „Guck mal hier, ein Ferienhaus im Allgäu. Mit drei Schlafzimmern und vier Betten im Matratzenlager. Stell dir vor, da kommen zwei Familien mit feuchten Klamotten und Stiefeln vom Skifahren zurück. Der Vorraum hat nicht mal zwei auf zwei Meter, dann fällst du die Treppe runter. Dabei wäre die Garderobe schon für ein Einzimmerpapartement zu klein. Und in den Zimmern ohne Stauraum leben die Leute aus dem Koffer. Schöner Urlaub!“ „Aber das Haus interpretiert den Bautypus des Voralpenlandes ganz neu und fügt sich wunderbar in den Kontext“, gebe ich kleinlaut zu bedenken. 

Sie blättert weiter. „Hier die sechs Meter hohe Regalwand, wie kriegt man da die Bücher hoch?“ „Erstens ist sie nur fünf Meter hoch“, relativiere ich ein wenig, „und zweitens, hast du nicht da oben die Schiene gesehen? Da wird eine Leiter eingehängt.“ kläre ich ultimativ. „Und wo ist die vier Meter lange Leiter, dieser Putzfrauen-

albtraum?“ „Wahrscheinlich im Keller.“ Ich mache jetzt keinen Stich mehr. „Hier nochmal, ein zwei Geschosse hohes Bücherregal. Ohne Schiene und Leiter!“ Die 

Empörung ist jetzt echt. Jetzt ist sie in Fahrt. „Dieser Kamin hier, mit der Öffnung am Boden, wer soll den beschicken?“

„Und hier, guck mal, noch so eine riesige Bücherwand. Tausend Bücher und alle sind weiß oder beige, ohne Ausnahme! Ja kaufen die Leute ihre Bücher nach der Farbe des Umschlags?“ Ich murmle etwas von Photoshop und versichere, dass man das Bild nicht so ernst nehmen könne, weil es sich hierbei um die Werbung eines italienischen Möbelherstellers und keineswegs um eines der preisgekrönten Häuser handle. „Und hier, sieh mal…, und da…“ 

Ich habe längst abgeschaltet und sinniere, ob man nicht anregen solle, im nächsten Jahr den Wettbewerb unter dem Rubrum „brauchbare Häuser“ auszuschreiben? Und dann wüsste ich da noch jemanden für die nächste Jury vorzuschlagen…

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin