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Jaeger(s)latein 8/2017
Gebaute Randale

Neulich, in einer Ausstellung in der Berliner Architekturgalerie Aedes, kam ich wieder mal ins Grübeln. Was ist eigentlich Baukunst? Unter dem Motto „Houston: Genetic City“ waren dort hinreißende Entwürfe zu sehen, im Wortsinn fantastisch, die sich mit „Möglichkeiten innovativer Stadtentwicklung“ beschäftigen. In Houston gebe es einen Mangel an Planungsinstrumenten, keine Top-Down-Planung, sondern eine Kultur der Ad-hoc-Planung und dadurch ein „Potenzial zur Entwicklung außergewöhnlicher Formen“. Ergo: Wo es keine Regeln gibt, kann sich der Baukünstler mal richtig ausleben.
Und so haben die Studenten ihren Computern ad hoc die Sporen gegeben und die 3-D-Drucker heißlaufen lassen, haben Bauwerke in Form von Spiralexplosionen und Chickendönerspießen, von Maulwurfgängen durchbohrte Hochhausmodelle und allerlei Muschelzeug entworfen. Das ist spannend und als Ausstellung allemal kurz-
weiliger anzuschauen als ein Werkbericht von, sagen 
wir Henn oder Schulz und Schulz. Aber machen wir 
uns nichts vor: Derlei Baukunst hat mit dem, was der Mensch benötigt und dem, was möglich und sinnvoll ist, so wenig zu tun wie das Setting eines Science-Fiction-Films oder die Blasen- und Schaumtheorien eines 
Peter Sloterdijk. Der Künstler, der Filmemacher und der Philosoph bedienen sich nur des Genres der Bauwelt, 
um ihre esoterische Formen- und Gedankenakrobatik zu betreiben.
Nun hat diese Sektion der Baukunst wie alle Kunst natürlich per se ihre Daseinsberechtigung und trägt gewiss zur Erklärung der Welt bei. Es gibt jedoch eine Reihe von Architekten, die die Passion in sich spüren, derlei Artefakte der Menschheit im Maßstab 1:1 zu hinterlassen. Thom Mayne (Morphosis) aus LA, der die Studenten mit betreut hat, ist einer von ihnen. Wir erinnern uns noch an seinen hinreißenden Entwurf für einen 381-Meter-Hotelturm neben Zumthors Therme in Vals (siehe Jaeger(s)latein 5/2015). Hadid, Libeskind, Gehry, Coop Himmelb(l)au, die Namen sind geläufig. Letztere haben zum Beispiel das Musée des Confluences in Lyon zu verantworten. Zur Beschreibung fehlen die Worte. Jedenfalls ist es kein „Haus“, es ist abgrundhässlich und keiner weiß, was der verschwurbelte Blechhaufen bedeuten soll. Zudem ist es alles andere als nachhaltig und sündhaft teuer. Aber es ist unheimlich signifikant! Ein signature building eben. Man könnte es auch gebaute Provokation oder Randale nennen. Ob es dafür taugt, wofür es gebaut wurde, weiß ich nicht; bin noch nicht da gewesen. Aber ich habe meine Zweifel.
Man nennt sie euphemistisch „gebaute Großskulpturen“, die sich vorzugsweise bei den Potentaten politisch origineller Staaten des Mittleren und Fernen Ostens großer Beliebtheit erfreuen. Wolkenkratzer hat ja inzwischen jeder. In China, dem Land, in dem jeder lokale und regionale Parteisekretär sein signature building haben musste, erging im vorigen Jahr eine Order, die bizarre Baukunst der weird buildings künftig zu unterlassen, besonders wenn sie bei internationalen Stararchitekten eingekauft wird und somit keinen Bezug zur chinesischen Kultur hat. Wie auch, denn es geht ja gerade darum, sich in Form und vor allem Dimension, in Material und Anmutung auf weltläufige Weise von chinesischer Bautradition abzusetzen.
Ohnehin hat sich das Bauen in China mit großen Formaten und Formen so weit wie irgend denkbar von dem entfernt, was Architektur für den einzelnen Menschen sein sollte: Heimat, überschaubare Nachbarschaft, mensch-
licher Maßstab, überlieferte Typologien und formale 
Zeichensysteme, kurzum, wie es in den Hutongs, den traditionellen Wohnhöfen gewesen ist. Stattdessen entstehen weitläufige, autogerechte Neubaugebiete mit den typischen 31-Geschossern en gros, in denen sich der nicht vorgesehene Fußgänger die Hacken abläuft. Und dazwischen die bizarren, baukünstlerisch gemeinten 
signature buildings, die den kleinen Mann beeindrucken sollen; aber sie tun dies eben nur einmal. „Nichts ist so abgeschmackt wie was gestern überraschte“, schrieb Emily Dickinson schon vor 150 Jahren. Das gilt bei Bauwerken im Besonderen.
In Deutschland gibt es für Baukunst exaltierter, sinn-
freier Formen offenbar kein Publikum. Allenfalls Jürgen Mayer H. findet manchmal einen Bauherrn, der ihn etwas dezent Biomorphes bauen lässt. Oder ein Wohnhaus, das aussieht wie der überkochende Hirsebrei in Grimms Märchen. Zum Glück kannte jemand die Formel und rief rechtzeitig „Töpfchen steh!“, sonst wäre ganz Berlin voll des süßen Breis. 
Hin und wieder versucht es auch ein anderer. Wer damit auf gewisses Wohlwollen stößt, für den gibt es im Wettbewerbswesen ja den Ankauf. 
Ansonsten schaut man neidvoll nach England, Frankreich, USA, wo heute die bewunderten Avantgarden zu agieren scheinen und die internationale Architektenszene beherrschen. Aber keine Sorge. Die wollen nur spielen. Auf der MIPIM, wo es um knallharte Fakten, um Ökonomie und Renditen geht, stehen die Deutschen auf der Matte. 
Doch irgendwo dazwischen muss der Königsweg guter Architektur liegen.
 

 

Prof. Dr.-Ing. Falk Jaeger

freier Architekturkritiker, Berlin